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EM-Qualifikation: Pflicht erfüllt, und trotzdem kritisiert

Die Schweizer Nationalmannschaft der Männer gewinnt zweimal gegen die Türkei und bekundet mehr Mühe als erwartet. Im Mai braucht sie gegen Deutschland und Österreich wohl einen Punkt, um sich für die EM 2026 zu qualifizieren.


Text: Stephan Santschi, Foto: Martin Deuring



Gino Steenaerts und Co. holten vier Punkte gegen die Türkei.


Felix Aellen geht mit letzter Kraft in die 1:1-Situation, spielt Lukas Laube am Kreis frei. Und der trifft 57 Sekunden vor Schluss zum 30:27. Nun ist der Deckel endlich drauf auf dem Heimspiel gegen die Türkei, das zäher war als erwartet. Die Pflicht ist erfüllt, vier Tage nach dem 38:34-Sieg in Diyarbakir gewinnt die Schweiz auch zu Hause gegen den Aussenseiter der Gruppe 7. Ins Schwärmen gerät aber niemand. Nicht die Fans in der vollen Winterthurer Arena, die sich im Gegensatz zum WM-Playoff vor einem Jahr gegen Slowenien nicht zum Hexenkessel erhitzt. Und auch keiner der Hauptakteure.


Laube schreit Aellen an, weil dieser eine Auswechslung verpasst. Portner bellt gegen Steenaerts, der einen Abpraller nicht behändigt. Und auch die Miene des Nationaltrainers macht am Sonntag deutlich: Es harzt im Schweizer Spiel. «Unser oberstes Ziel waren vier Punkte gegen die Türkei, das haben wir erreicht», sagt Andy Schmid. Aber: «Wir gehen nicht zufrieden nach Hause. Wir messen uns an einem eigenen Massstab, und wenn wir überall Abstriche machen müssen, ist es letztlich zu viel, um einen schwächeren Gegner zu dominieren. Wir machten uns das Leben selber schwer.»


Zuerst patzt die Abwehr, dann der Angriff

Die Türkei ist im Handball ein Kleinstaat, nie qualifizierte sie sich für eine WM oder EM. Ihr bester Spieler heisst Doruk Pehlivan und spielt in Deutschlands zweiter Bundesliga. Die seit Januar von Oliver Roy Camino trainierten Südosteuropäer sind im Kollektiv aber stärker als es die Summe der Einzelspieler vermuten liesse. Vor allem ihre offensive Abwehr, die sich bis zu einem 3:3-System nach vorne wagt, ist unangenehm. Und doch sollte kein Effort nötig sein, um diesen Kontrahenten deutlich zu distanzieren. Immerhin geniesst die Schweiz die Reputation eines WM-Elften.


In der Türkei ist die Abwehr nicht auf der Höhe des Geschehens, obwohl Schlüsselspieler Pehlivan bereits in der 6. Minute nach einem Griff in den Wurfarm von Aellen die rote Karte sieht. Im Rückspiel ist die miserable Chancenauswertung das Hauptproblem. Lenny Rubin, der nach einem nicht verschuldeten Autounfall erst in Winterthur im Aufgebot steht, findet nicht zur überragenden WM-Form. Luka Maros, Noam Leopold, Dimitrij Küttel oder Gino Steenaerts kommen nicht in Fahrt. Auch die Freigeister Mehdi Ben Romdhane und Luca Sigrist erreichen nicht das Niveau des Auswärtsspiels.


Oben (v.l.n.r.): Felix Aellen war in Winterthur der erfolgreichste Schweizer Angreifer. Goalie Nikola Portner überzeugte in beiden Spielen. Jonas Schelker feierte gegen die Türkei sein Comeback im Nati-Dress.

Unten (v.l.n.r.): Coach Andy Schmid beim Timeout. Die Winterthurer Arena war ausverkauft. Auch SHV-Präsident Pascal Jenny und sein Kollege aus der Türkei waren unter den Gästen.


Highlight im Hallenstadion gegen Deutschland

Positiv ist der Auftritt von Goalie Nikola Portner, der mit Ausnahme der Flügelabschlüsse im Heimspiel stark performt und total 30 Bälle pariert. Auch die Abwehr steigert sich im Verlauf der Woche, wenngleich Timing und Abstimmung nicht immer passen, was den Türken auf den Aussenpositionen grosse Freiheiten einträgt. Stark sind die Kreisläufer Lucas Meister und Lukas Laube, die vorne keine Chance liegen lassen. Erfreulich ist das Comeback von Aufbauer Jonas Schelker nach schwerer Knieverletzung, gar grossartig der energiegeladene Aellen, der das Team zum Heimsieg trägt.


Summa summarum gibt es viel, woran die Schweizer mit Blick auf die kommenden Herausforderungen arbeiten müssen. Am 7. Mai gegen Deutschland im Zürcher Hallenstadion, für das bisher rund 3000 Tickets abgesetzt worden sind, und am Sonntag, 11. Mai in Graz gegen Österreich kommt es im Kampf um ein Ticket an der EM 2026 zum Showdown. «Wir sind stabil, aber wir bewegen uns nun in einer Sphäre, in der die Luft dünner wird», mahnt Schmid. Einen Punkt muss die Schweiz aus den letzten beiden Partien wohl noch gewinnen, um zumindest als einer der vier besten Gruppendritten die sechste Teilnahme an einer Europameisterschaft sicherzustellen.


Qualifikation zur EM 2026, Gruppe 7: Türkei – Schweiz 34:38. Österreich – Deutschland 26:26. Deutschland – Österreich 31:26. Schweiz – Türkei 30:27. – Rangliste (alle 4 Spiele): 1. Deutschland 7. 2. Schweiz 5. 3. Österreich 4. 4. Türkei 0; Top 2 und die vier besten Gruppendritten sind qualifiziert.

Nächste Spiele: Schweiz – Deutschland (Mi 7. Mai, 19 Uhr, Hallenstadion Zürich). Österreich – Schweiz (So 11. Mai, 18 Uhr, Graz).


 

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